DU mit mir

Du wolltest mich klein,
um dich groß zu fühlen.
Also duckte ich mich ab.

Du wolltest mich schwach,
um dich stark zu fühlen.
Also hatte ich keine Kraft.
Du wolltest mich überfordert,
um von deiner Überforderung abzulenken.
Also überlud ich mich mit Aufgaben.
Du wolltest wenig Verantwortung,
um nicht kontrollieren zu müssen.
Also übernahm ich die Kontrolle.
Du wolltest Ruhe und Frieden,
um keine bösen Türen aufzustoßen.
Also kratzte ich nur an der Oberfläche.
An meiner. Körperlich.
Du wolltest mich mütterlich,
um das Kind zu bleiben.
Also umsorgte ich dich.
Du wolltest mich freudlos,
um deine eigene Traurigkeit nicht zu fühlen.
Also verlor ich mein Lachen.
Du wolltest mich lustlos,
um dich abgelehnt zu fühlen.
Also gab ich meine Leidenschaft auf.
Du wolltest, dass ich dich hasse.
Also begann ich, an dir zu zweifeln.
Doch alles in mir schrie.
Alles schrie, dass es groß sein will.
Alles schrie, dass es Kraft haben will.
Alles schrie, dass es Mut haben will.
Alles schrie, dass es lieben will.
Alles schrie, dass es Selbstverantwortung übernehmen will.
Alles schrie, dass es gehalten sein will.
Alles schrie, dass es geliebt sein will.
Alles schrie, dass es endlich erwachsen sein will.
Alles schrie, dass es heilen will.
An der Oberfläche und in der Tiefe.
Alles schrie, dass es lachen und tanzen will.
Alles schrie, dass es lustvoll sein will.
Alles schrie, dass es LEBEN will.
Alles schrie, dass es endlich frei sein will.
Frei von diesem Gefängnis, das wir uns schufen.
Aus Mauern, die immer dicker wurden, obwohl ich sie einreißen wollte.
Aus Lügen, die immer größer wurden, obwohl ich Ehrlichkeit wollte.
Aus Misstrauen, dass du in deinem Kern trägst und dass ich dir nehmen wollte, aber doch nie konnte.
Weil du DU sein willst, mit allem, was du dir so kraft- und schmerzvoll aufgebaut hast.
Jede Facette, jede Fassade, jede Maske und jede Schicht, die dich schützen soll.
Und ich entscheide mich immer wieder für die Liebe.
MEINE Liebe.
Meine Liebe für dich, meine Liebe für mich,
und meine Liebe für das Leben.
Die Liebe, die ich nicht mehr in Frage stellen lasse.
Die Liebe, die Grenzen setzt.
Die Liebe, die durch deine Mauern blickt.
Schon immer.
Und die Liebe,
die dich all die Jahre getragen hat.
Tritt du sie mit Füßen, boxe dagegen.
Sie ist nicht mehr abhängig von deinem Verhalten. Sie kennt deinen Kern.
Und sie liebt deine Seele. Nicht deine Schutzhülle.
Sie liebt von Herz zu Herz.
Für immer geliebt.

ICH mit dir

Ich wollte dich groß,
um klein bleiben zu können.
Ich wollte dich stark,
um zu dir aufschauen zu können.
Ich wollte an deinen Schmerz,
um meinen nicht fühlen zu müssen.

Ich wollte dich als Erwachsenen,
um selbst das Kind sein zu können.
Ich wollte mit dir verschmelzen,
um meine Seelenlöcher zu füllen.
Ich wollte dich verändern,
um mich nicht bewegen zu müssen.
Ich wollte dich befreien,
um mich nicht frei kämpfen zu müssen.
Ich wollte dir glauben,
um nicht mir selbst trauen zu müssen.
Ich wollte für dich kämpfen,
um nicht mehr für mich selbst kämpfen zu müssen.
Ich wollte von dir geliebt werden.
Um jeden Preis.
Ich wollte mit dir die heile Familie sein.
Die heile Familie, die ich nie hatte.
Ich wollte zu dir gehören.
Mit Haut und Haar.
Ich wollte Eins sein mit dir,
weil ich nicht allein sein wollte.
Ich hatte Angst.
Angst vor mir selbst, meinen eigenen verschlossenen Türen, meinen eigenen tiefsten Tiefen und dem Leben.
Ich habe dich benutzt,
so wie auch du mich benutztest.
Und ich habe dich geliebt,
so wie auch du mich liebtest.
Von Herzen.
Als Kinder.
Voller Illusionen und einer Hoffnung,
die niemals stirbt.
Heute werde ich erwachsen.
Heute mache ich mich selbst groß.
Oder akzeptiere, wenn ich mich mal klein fühle.
Heute gehe ich mutig in die Welt.
Heute kümmere ich mich selbst um meine Seelenlöcher und Wunden.
Heute fühle ich allein meinen Schmerz.
Und betrachte allein meine Dämonen.
Heute stülpe ich dir nichts mehr über.
Heute lade ich nicht mehr alles bei dir ab.
Heute vertraue ich auf mich selbst und meine Wahrnehmung.
Heute werde ich aktiv.
Heute bewege ich mich. Wachse.
Und falle auch immer wieder (um).
Doch ich rappel mich auf, schaue nach vorn und genieße das Leben.
Heute wähle ich meine Familie neu.
Aus Menschen, die mich erkennen und wertschätzen. Auch wenn ich mal nicht so bin, wie sie gern möchten.
Aus Menschen, die mit mir wachsen wollen.
Heute lerne ich mich selbst neu kennen.
Heute liebe ich dich neu.
Erwachsen.
Sehend.
Verbunden.
Verbunden mit mir selbst und meinem Herzen.
Vergebend und Grenzen setzend.
Mit Abstand.
Mit Reinheit.
Mit Schmerz.
Und voller Liebe.
Noch immer von Herzen.
Für immer im Herz.
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