Ja, das bin ich. Ganz oft. Immer wieder.
Das kleine Mädchen, das Halt sucht.
Schon immer.
Und heute schaue ich dankbar zurück.
Das kleine Mädchen früher
Früher fand ich Halt und Anerkennung hauptsächlich bei meinen Freunden. Ich war witzig, frech, nicht auf den Mund gefallen und setzte mich stets für Gerechtigkeit ein.
Ich war auch jähzornig, und es platzte aus mir heraus, wenn ich mal wieder viel Ungerechtigkeit und Wut in mir angestaut hatte. Manchmal schrieb ich es nieder, manchmal erwischte es jemanden und manchmal ließ ich es an mir selbst aus.
Wut war in meiner Ursprungsfamilie nicht gern gesehen und zu sehen, aber doch immer zu spüren. Ich habe einige Wutausbrüche miterlebt, aber viel mehr noch habe ich es immer unter all dem Gejammer und dem Frust brodeln gespürt. Bis heute scheint mir so vieles unausgesprochen zu sein in meiner Familie. Bis heute spüre ich, wie alle sich das Gleiche wünschen, obwohl doch alle wissen, dass es nie passieren wird.
In diesem Familiensystem fand ich wenig Halt. Immer auf der Suche nach jemandem, der mich versteht und auffängt, fühlte ich mich oft allein. Allein gelassen.
Heute schaue ich zurück und weiß, dass es immer etwas gab, das mich hielt.
Mein Wunsch, zu leben.
Meine Liebe zum Leben.
Das kleine Mädchen heute
Nach der Geburt meiner Tochter vor 7 Jahren verlor ich ganz massiv den Halt. Das alte Gefühl war wieder da. Allein. Allein gelassen. Und meine Liebe zum Leben schwand. Die alten Wunden waren aufgerissen. Ich sah mich mit meinen größten Ängsten konfrontiert, durchschritt meine tiefsten Abgründe und leckte meine schlimmsten Wunden.
Heute bin ich dankbar für die Anfänge meiner Ehe und die immer wiederkehrenden Neuanfänge zwischendurch, in denen ich ganz viel Halt, Anerkennung und Wertschätzung erfuhr – vom Leben. Weil ich halten und gehalten sein konnte. Weil ich einfach ich sein konnte. Weil in diesen Momenten nichts an mir bewertet wurde, nichts falsch gemacht wurde und nichts verletzt wurde. Weder von mir noch von meinem Gegenüber. Weil in diesen Momenten zwei Herzen „JA“ zueinander sagten, zwei Körper das „JA“ miteinander spürten und zwei Seelen die Liebe füreinander lebten. Es war Heilung. Es war Heilung auf ganz vielen Ebenen. Es war ein Stück der Heilung.
Denn zwischen diesen echten, tiefen und präsenten Momenten passierte das Leben. Das Leben, das uns zerriss. Würde ich an einen Gott glauben, ich würde ihn fragen „WARUM? Warum tust du mir das an?“ Doch stattdessen lerne ich, dem Fluss des Lebens zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass das Leben mir meinen Weg zeigen wird. Dass ich die Liebe weiter in mir tragen kann, auch wenn das Leben mir alles um die Ohren schmeißt. Dass ich meinem Kern treu bleibe und mich selbst wiederfinde in dem Chaos, das sich manchmal offenbart. Ich gestehe mir ein, dass ich die Wunden meines Gegenübers nicht zu heilen vermag. Dass es vermessen war, das zu glauben und zu versuchen. Und ich gestatte mir selbst, mich zu lösen. Und mich selbst zu heilen. Indem ich lerne, mich selbst zu halten und mich immer wieder auch von anderen halten zu lassen. Auch wenn das jedes Mal wieder mit einer Angst, einer scheinbaren Gefahr, aber eben auch immer wieder mit ganz viel Heilsamkeit verbunden ist.
Und aus diesem Grund schaue ich friedlich auf meine 38 Lebensjahre zurück …
Und bin dankbar, … ♣
… dass ich immer wieder Anker in meinem Leben fand.
… dass es mindestens eine Person aus meiner Familie gibt, die bis heute auf mich Acht gibt.
… dass ich ganz wunderbare Freunde hatte, und
… dass meine Freunde ganz wunderbare Eltern hatten, bei denen ich stets willkommen war.
… dass meine Eltern ihr Bestes gaben.
… dass ich eine Schwester hatte (und habe).
… dass ich zwei Mal schon tiefe Liebe und Verbundenheit in Beziehungen erfahren durfte.
… dass ich 8 Jahre verheiratet sein durfte.
… dass ich zwei aufgeweckte und freche Kinder habe.
… dass ich meine Kinder halten kann, und ihnen damit etwas Kostbares geben kann, was ich nicht hatte.
… dass mir immer mehr Menschen begegnen, die mich verstehen und wertschätzen, und
… dass sie mit mir auf einer ähnlichen Frequenz schwingen.
… dass ich heute wieder mehr Selbstverantwortung übernehme und mein Leben selbst gestalte, mir meine Wünsche selbst erfülle und mich endlich wieder LEBENDIG fühle.
… dass ich heute friedlich auf meine Kindheit schauen kann.
… dass sich heute aus der lange verpuppten frechen Raupe langsam ein schöner Schmetterling entfaltet, der sich frei macht von Enge und Begrenzungen.
… dass ich mich heute (nicht immer, aber immer öfter 😉) selbst halten kann, und
… dass immer wieder Menschen in mein Leben kommen, die mir dabei helfen.
Danke! ♥
Die Heilung beginnt,
wenn du dir selbst erlaubst, zu sein,
wer du wirklich bist.
(Carl Rogers)